Und führe uns nicht in Versuchung

„Herr Pfarrer, wie kann ich diese Vaterunser-Bitte verstehen? Will uns denn Gott in Versuchung führen?“ wurde ich nach dem letzten Gottesdienst gefragt. Schon Papst Franziskus kritisierte diese Bitte. Es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze, um dann zuzusehen, wie er falle, sagte er in einem Interview mit dem italienischen Fernsehsender TV2000. Derjenige, der die Menschen in Versuchung führe, sei Satan. Stattdessen schlägt er vor, man solle die Formulierung „Lass mich nicht in Versuchung geraten“ benutzen. Um diese Bitte zu verstehen, möchte ich zuerst ein sprachliches Problem lösen und dann eine theologische Antwort versuchen.

Die sechste Bitte des Vaterunsers ist die deutsche Übersetzung aus dem griechischen Urtext. Doch der Urtext ist auch nur eine Übersetzung. Denn Jesus sprach Aramäisch. Es gibt ein altes aramäisches Gebet, das der Vaterunser-Bitte nahe kommt: „Bringe mich nicht … in die Gewalt der Versuchung“. Daher dürfte es nahe am Verständnis von Jesus sein, wenn wir die Bitte deuten als: „Lass uns nicht in Versuchung fallen!“ In diesem Sinn warnte Jesus seine Jünger im Garten Gethsemane: „Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallt!“ (Mk 14,38). Die Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“ ist also eine Bitte um Gottes Schutz vor Versuchung.

Nun meine theologischen Gedanken dazu: Gott hat uns Menschen von Anbeginn den freien Willen geschenkt. Schon in der Versuchungsgeschichte im Paradies standen Eva und Adam vor der Frage: Will ich von der Frucht der Versuchung kosten oder nicht?

In einer Versuchung muss ich entscheiden: Will ich oder will ich nicht? Das bedingt eine Grundgegebenheit, die von Beginn an in Gottes Schöpfung angelegt ist: Es ist nicht alles gut, was wir tun. Auch die beste Erfindung hat immer eine dunkle Kehrseite. Auch die schlimmste Naturkatastrophe hat immer eine positive oder nützliche Seite. Papst Franziskus hat diese beiden Seiten unserer Realität personalisiert: Es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze. Derjenige, der die Menschen in Versuchung führe, sei der Satan.

Das ist mir zu einfach argumentiert. Ich möchte Satan und Gott, Böse und Gut nicht personalisieren. Dafür ist das Thema Versuchung zu vielschichtig. Wie gesagt: Wir haben unseren freien Willen und müssen uns immer wieder entscheiden. Wir müssen vor Entscheidungen immer wieder überprüfen. Zum Beispiel: Ist die Elektromobilität wirklich das Richtige für unsere Welt und welche Probleme handeln wir uns damit ein? Woher die immense Menge mehr Strom, woher die Rohstoffe für die unzähligen Batterien, wie gestalten wir deren Entsorgung? Warum immer nur auf ein Pferd setzen?

Das griechische Wort für Versuchung kann auch mit „Prüfung“ übersetzt werden. „Und führe uns nicht in Versuchung“ meint auch: Gott mutet uns zu, vor unserer Entscheidung zu überprüfen: Vorteile und Nachteile. Oft sehen wir nicht die ideale Lösung, sondern nur das kleinere Übel. Und wenn wir uns doch einmal falsch entschieden haben, dann können wir beten: Und vergib uns unsere Schuld. Wir sollten Gott umfassend denken, aber dürfen zu ihm sehr persönlich beten: Vater unser im Himmel.

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