Streetlife in Delhi

Wir leben in einem ruhigen Viertel gemessen an den lauten von Autos, Rollern und Tuktuks wabernden Straßen im alten Teil Delhis. Die britischen Kolonialherren haben im 19. Jahrhundert für die neue Stadt planerisch ganze Arbeit geleistet und die neuen Herren Indiens haben klugerweise die breiten Hauptstraßen belassen und weiter gebaut,. Sie begrenzen die einzelne Viertel, von Toren eingesäumt und durchzogen von ruhigen Wohnstraßen.

Wir leben im Viertel Vasant Vihar, das wiederum in Quartieren von A bis F unterteilt ist. Wir wohnen im F-Quartier in der siebten Straße das zweite Haus, also F-7/2 Vasant Vihar. Morgens noch vor Sonnenaufgang – im Moment gegen 6 Uhr – drehen die ersten Sportler ihre Runden im gegenüberliegenden Park. Sie joggen nicht, sie sind Geher, nicht mit Sportklamotten wie im Park des Pratamnak-Hügels in Pattaya, sondern in voller Montur im Sari oder in langer Hose. Eine Straßenkehrerin fegt in ayurvedischem Rhythmus die Blätter von unserer Straße weg. Später kündigt ein Muhen an, was das Alleinstellungsmerkmal für Delhi ist: die heiligen Kühe auf der Straße. Mal einzeln traben sie unsere Straße entlang und versuchen, durch den Zaun des Parks ein Blatt zu erhaschen. Mal kommt eine ganze Herde von schwarzen, braunen bis ganz hellen Rindern vorbei. Auf der Hauptstraße säugt ein Kälbchen ganz sorglos bei seiner Mutter. Die Rollerfahrer jonglieren an den beiden vorbei. Ich staune, wie diese Tiere in der Stadt überleben können, doch nicht nur vom Müll am Straßenrand, den sie nach Essbarem untersuchen.

Müllabfuhr

Wir haben auch eine Müllabfuhr und ein Recyclingsystem, man glaubt es nicht. Alle zwei Tage klingelt es. Rajan, seit 14 Jahren der professionelle Helfer im Pfarrhaushalt, schaut vom Balkon nach unten, ruft ein paar Hindiworte nach unten, greift schnell einen vorbereiteten blauen Sack mit unserem gesammelten Müll und bringt ihn dem Müllmann mit Fahrrad nach unten. Der nimmt den Sack, leert ihn in einen großen weit aufgespannten Sack hinein und beginnt nicht nur ein paar Worte mit Rajan zu wechseln, sondern mit dem Sortieren des Mülls. Alles, was verwertbar ist und Geld bringt, kommt in entsprechende Behältnisse: Plastikverpackungen, Gläser, Flaschen, Papier und Pappe. Wir bezahlen für die Müllabfuhr monatlich 200 Rupien, das sind etwa 2,50 €. In Delhi gibt es übrigens keine Plastiktüten. Die hat der Staat verboten. Wenn man eine Tasche nicht selbst mitbringt, dann bekommt man gegen gutes Geld Taschen aus Zellulosestoff, bestens geeignet für unsere zum Waschen aufbewahrte Wäsche, weil atmungsaktiv.

Unser Müllsammler

Beim Frühstück hören wir das Klingeln einer Fahrradklingel. Der Gemüsemann kommt mit Äpfeln, die gerade Saison haben, Bananen, Zucchini und Kokosnüssen. Die Haushaltshilfe unserer Vermieterin kommt und kauft ein. Die schon betagte Frau Kapoor riet uns gestern: „Trinken Sie täglich den Saft einer Kokosnuss. Das hält gesund.“ Später am Schreibtisch höre ich von draußen ein rhythmisches Rufen, immer wieder zwei Worte. Ich frage Rajan, was er ruft. Ich verstehe, dass das der Lumpensammler ist. Früher in Bad Ditzenbach kam auch einer und rief mit unvergleichlicher Stimme: „Lomba, Alteise, Babier! “ Hier wie dort ein spezieller heimatlicher Sprechgesang.

Am Straßenrand parken viele Autos mit einem blauen Nummernschild, zwei Zahlenreihen und dem CD: Diplomatenwagen, denn Vasant Vihar beherbergt Botschaften vor allem kleiner Staaten. Island gehört dazu, gleich um die Ecke die weißrussische Botschaft und in der anderen Straße die Botschaft Kasachstans in noblen mehrstöckigen Wohnhäusern, gut bewacht von den Guards, die vor dem Eingang ihr kleine Wachhäuschen haben. Ihr seht, wir wohnen edel und durchaus sicher und sind froh darüber.

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