Greta – meine Antwort auf Wulf und Ewald

Eva, meine Tochter in Singapur, leidet seit einigen Wochen sehr unter der Luftverschmutzung. Wegen ihres Asthmas musste sie zweimal ins Krankenhaus gebracht und an den Tropf gehängt werden. Sie ist schwach und kann nicht arbeiten aufgrund heftiger Atembeschwerden, Migräne und der Wirkung der starken Medikamente. Warum? Weil sie während ihres Urlaubs in Kuching auf der wunderschönen Insel Borneo dermaßen überrollt wurde von der menschengemachten Luftverpestung durch immense Brandrodung und Abfackeln der Reisfelder in Indonesien. Kuching hatte die welthöchsten Werte an Feinstaub in dieser Zeit. Zurück in Singapur war es dort nicht viel besser.

Wir hier in Delhi haben noch außergewöhnlich gute Luft, aber in spätestens vier Wochen beginnen die Monate, an denen man nur noch, wenn überhaupt, mit guten Atemschutzgeräten sich draußen aufhalten kann und drinnen mit Luftreinigern zu überleben versucht: vier Monate bis Ende Februar. Warum schreibe ich Euch das?

Klimaveränderungen ernst nehmen

Weil wir durch uns Menschen verursachte Klimaveränderungen ernst nehmen sollten. Die Luftverpestung in Südostasien, die Auswirkungen der Waldbrände in Brasilien und anderswo sind menschengemacht, lassen Menschen krank werden oder töten sie. Durch Menschen verursachte Klimaveränderungen sind eine Realität und wissenschaftlich immer besser belegt. Klar für mich ist auch: Das Klima wie die Natur als Ganzes ist ein sehr komplizierter Komplex von gegenseitigen Beeinflussungen. Wir verstehen noch vieles nicht. Ebenso sollten wir uns nicht (wieder) größenwahnsinnig einbilden, wir könnten die Natur in ihrer Komplexität in den Griff kriegen. Doch die drei lebenden Generationen – wir Rentner, die arbeitende Bevölkerung und die Jugend – haben jetzt eine überlebenswichtige Aufgabe: Einstellungen, Verhalten und Mechanismen überprüfen und verändern, soweit sie uns und unsere Umwelt bedrohen. Darauf hinarbeiten, dass auch die nächsten Generationen gesund und wohlbehalten leben können.

Greta Thunberg 2018 am Beginn ihrer Kampagne.

Unsere Rentnergeneration sollte sich vor Zuschreibungen, Verschwörungstheorien, vor politischen und moralischen Abwertungen hüten. „Linksgrün“, dieser neueste Kampfbegriff, „konservativ“ oder „patriotisch“ sind zunächst Beschreibungen, die darüber etwas aussagen, was uns motiviert, so oder so zu handeln. Doch wer junge Klima-Demonstranten als geistig insolvente Rechthaber bezeichnet, Kämpferinnen wie Greta als eine Behinderte, die von mächtigen Geldgebern ausgenutzt wird, der verdreht Wahrheit und Klarheit, der verletzt die Anstandsregeln, die unter uns immer noch gelten. Um außergewöhnliche Menschen herum werden schnell Verschwörungstheorien entwickelt. Der WhatsApp-Beitrag von Wulf, weitergegeben von Ewald ist ein Beispiel. Dazu bitte folgenden Link anschauen: https://www.br.de/nachrichten/netzwelt/verschwoerungstheorien-ist-greta-nur-eine-marionette,Rd53JMK. Der Beitrag ist von BR24 vom 25.9.2019.

Unsere Aufgabe

Unsere Elterngeneration und danach auch wir haben nach einem katastrophalen Weltkrieg 70 Jahre Frieden in Europa erreicht. Die Vision eines geeinten friedlichen Europas, die intensiven wirtschaftlichen, institutionellen und persönlichen Beziehungen, die gebündelten politischen Kräfte in Europa und nicht zuletzt eine einheitliche Währung haben uns Jahrzehnte nie gekannten Wohlstands in Frieden und Freiheit gebracht. Das ist unsere Leistung. Die müssen wir erhalten und vor Tendenzen schützen, die demokratische Strukturen und Menschen, die sie verteidigen, zerstören wollen.

Die Aufgabe der nachfolgenden Generationen muss sein, die Auswirkungen des sich verändernden Klimas auf unserem Planeten weltweit zu lösen. Die Eltern von Greta und viele andere in wirtschaftlicher und politischer Verantwortung haben begonnen, daran zu arbeiten. Greta und viele andere Jugendliche und junge Erwachsene haben begriffen, was ihre Verantwortung ist: Propagieren, hinausschreien, mahnen, was auf sie zukommen wird, wenn wir nicht daran gehen, unsere Arbeit zu tun für diesen Planeten. Es ist das Recht der Jugend, dabei über die Stränge zu schlagen. Die komplizierten Zusammenhänge mal schwarz-weiß zu überzeichnen ist nicht naiv, sondern angebracht, damit wir endlich aufwachen (die AfD macht es nicht anders, doch als Erwachsene müssten die es besser wissen). Regeln übertreten wie die Schulpflicht gehört dazu, damit sie überhaupt Aufmerksamkeit bekommen.

Übrigens: Eine Bewegung braucht PR, sie braucht eine gute Vernetzung. Doch dass sich „Fridays for Future“ zu einer weltweiten Bewegung entwickeln konnte, war nicht steuerbar und konnte keiner voraussehen. Dieses Thema war einfach dran. Wer anders als die am meisten betroffene Generation hat das Zeug, die Klimaveränderung endlich auf Punkt 1 der Tagesordnung unserer Politiker zu setzen? Auch wir persönlich sehen uns endlich direkt mit diesem Thema konfrontiert. Firmen machen, gefördert durch diese Bewusstmach-Kampagne mit dem Emissionshandel Gewinne. Warum nicht? Ich halte das immer noch für besser, als dass Rüstungsfirmen Kasse machen, weil wir die Probleme nicht in den Griff bekommen.

Rosis Beitrag über die „verschwindend geringe Menge“ Co2, die wir Deutschen verursachen, verharmlost die Sachlage. Er dient dazu, den „deutschen Michel“ beruhigt weiter schlafen zu lassen: „Lieb Vaterland, magst ruhig sein.“ Wir sind mitten in unruhigen Zeiten. Lasst uns mit unserer Erfahrung wachsam und nüchtern schauen, was unsere Aufgabe als „alte Leit“ heute ist.
Euer Wolfgang aus Indien

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