75 Jahre Befreiung des KZ Auschwitz

Wieder ein Gedenktag: der 27. Januar, der uns Deutsche mit unserer Vergangenheit konfrontiert. Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten die Menschen aus dem KZ Auschwitz. Ich las dazu einen Artikel in der FAZ, der sich mit dem Sinn solcher Gedenktage auseinandersetzt. Angesichts des zunehmenden Antisemitismus in Deutschland und Europa ist die Frage berechtigt, inwieweit Gedenktage wirklich helfen, Hass, Hetze und Gewalt gegen Juden zu verringern. Auch den Opfern des Holocaust die Möglichkeit zu geben zu erzählen wird hinterfragt. Sei dies nicht eine einfache Weise, sich mit den Opfern zu identifizieren und so die persönliche Auseinandersetzung mit der Mitschuld aus dem Wege zu gehen? Die Konfrontation mit Tätern sei zu wenig, wenn man einmal von den Hauptfiguren Himmler, Göbbels und Hitler in den Filmen und Dokumentationen absieht.

Ist der Besuch von Konzentrationslagern wie Auschwitz wichtig? Ich meine nach wie vor: Ja. 1977 besuchte ich mit einer Gruppe von hessischen Vikaren das KZ Auschwitz. Wir gingen durch die Baracken, sahen die Pritschen, auf denen die Menschen zusammengepfercht lagen. Ich sah die Berge von Koffern, abgeschnittene Haare, die verwertet werden sollten, die Gaskammern, die letzte Station für eine Million Menschen, wenn sie nicht durch Arbeit und Hunger starben oder erschossen wurden. 1.000.000 Menschen! Ich erinnere mich an einen Film, in dem der Lagerkommandant nach dem Anfertigen des Tagesberichts stolz darauf war, heute 10.000 Menschen vergast zu haben.

Ich erschrak. Denn im Bewusstsein dieses Kommandanten und wohl auch im Bewusstsein seiner Helfer muss diese Arbeit sich in eine Art Schlachtfabrik verwandelt haben, in der die Menschen zu Nummern verkommen, die verarbeitet werden wie das Vieh auf dem Schlachthof. Es ist also möglich, dass bei dieser täglichen Tötungsorgie jede Empathie für diese Menschen abhanden kommt. Gefühle wie Angst, Sorge, Trauer sind weggeblasen. Allenfalls stellt sich die Freude und Zufriedenheit über den Tageserfolg ein, wenn besonders „gut“ gearbeitet wurde.

Über dieses Grauen hinweg erschrak ich vor allem deshalb, weil ich merkte: Ich hätte das genauso machen können: Töten, vergasen als Managementaufgabe. Hätte ich genug Widerstandskraft gehabt, mich zu weigern? Ich weiß es nicht. Gedenktage sind Anlässe, nicht nur die üblichen Reden zu halten. Sie können auch anstoßen: zum Erschrecken, zum Warnen zur Umkehr.

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