30 Jahre Tag der Deutschen Einheit

Das Brandenburger Tor aus Eis, 2018 in Bangkok

Könnt Ihr Euch noch an den allerersten Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 erinnern? Ich war als Circus und Schaustellerseelsorger auf dem Cannstatter Volksfest. Die Schausteller und Marktkaufleute hatten einen zusätzlichen Feiertag geschenkt bekommen. Das Wetter war außergewöhnlich warm für Oktober. Viele, sehr viele Besucherinnen und Besucher drängten sich auf dem Wasen, um den neuen Feiertag zu genießen. Die Schausteller hatten alle Hände voll zu tun. Auf meinem Rundgang entdeckte ich, dass am American Icecream Stand von Ehepaar Lehmann aus Karlsruhe eine Traube von Menschen stand. Frau Lehmann stand allein im Geschäft. Ihr Mann war noch unterwegs. Ich hatte Zeit, also rein hinter die Theke, wurde kurz über die Preise und das Sortiment informiert und begann mit zu verkaufen. Eine Stunde und dann hat Frau Lehmann wieder alles im Griff – dachte ich.

Eine Eispackung nach der anderen ging über die Theke. Die Traube wurde einfach nicht kleiner. Ich verkaufte und verkaufte, das Gedränge wurde größer. Ein kleiner Junge kam nicht durch. Den rief ich her und bediente ihn exklusiv. Der Stress in mir wuchs. Plötzlich begann ich leise zu summen. Das beruhigte mich. Immer wieder mal rief ich ein aufmunterndes Wort Frau Lehmann zu. Endlich kam ihr Mann. Doch der musste erst mal aus dem Kühlwagen die Theke auffüllen. Irgendwann hatte ich kein Zeitgefühl mehr. Dunkel kam die Erinnerung in mir hoch: Irgendetwas wollte ich noch unternehmen – endlich: der Festgottesdienst um 17 Uhr in der Stiftskirche.

Ich also los. Der Gottesdienst hatte bereits begonnen, als ich die Kirche im Zentrum Stuttgarts betrat. Das geräumige Schiff war so voll wie sonst nur an Heiligabend. Irgendwo ergatterte ich mir einen Platz und kam langsam zur Ruhe. Ich war erschöpft und glücklich, dankbar für diesen Neubeginn der alten und der neuen Bundesländer unseres Vaterlands.

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